Wie kann man Berlins Künstler in der Stadt halten?

ART CITY LAB 2 – NEUE RÄUME FÜR DIE KUNST

Ber­lin (08.08.2019) – Wie arbei­tet eine Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft mit einer Initia­ti­ve oder einem pri­va­ten Ent­wick­ler zusam­men? Wie schließt man die Lücke zwi­schen Finan­zie­rungs­be­darf und För­der­pro­gram­men? Wie kön­nen Orte für Kunst­pro­duk­ti­on posi­tiv ins Quar­tier wir­ken?

Der Ate­lier­be­auf­trag­te für Ber­lin und raum­la­bor­ber­lin haben zusam­men mit der lan­des­ei­ge­nen Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft Gewo­bag, dem pri­va­ten Ent­wick­ler Artprojekt und TTI in einem koope­ra­ti­ven Pro­zess mit Künstler*innen, Nach­hal­tig­keits­ban­ken, Genos­sen­schaf­ten, Senats­ver­wal­tun­gen, Abge­ord­ne­ten, Wissenschaftler*innen und Planer*innen die­se Fra­gen ent­wi­ckelt und dis­ku­tiert.

Ergeb­nis: Es gibt inno­va­ti­ve Ansät­ze, wie kon­struk­tiv in neu­en Alli­an­zen zusam­men­ge­ar­bei­tet wer­den kann, Kunst­pro­duk­ti­ons­stand­or­te lang­fris­tig und sta­bi­li­sie­rend in die Bezir­ke wir­ken kön­nen. Bei­spie­le sind das Haus der Sta­tis­tik, das ZK/U oder ExRo­ta­print. Es eta­bliert sich eine Akteurs­land­schaft von alter­na­ti­ven Geld­ge­bern und Ent­wick­lern, die aber kon­kre­te Schnitt­stel­len zu För­der­ge­bern des Lan­des und dar­über­hin­aus benö­ti­gen.

Zen­tra­le Erkennt­nis­se und For­de­run­gen der Publi­ka­ti­on:

Um dau­er­haft Orte künst­le­ri­schen Arbei­tens in der Stadt zu sichern, neu zu schaf­fen und in Quar­tie­re zu inte­grie­ren, ist erfor­der­lich:

hete­ro­ge­ne Akteur*innen zu ver­net­zen und hand­lungs­fä­hig zu machen,
Umset­zungs­wis­sen in zen­tra­len Stel­len zu bün­deln und bestehen­de Bera­tungs­stel­len zu stär­ken,
für eine Selbst­ver­pflich­tun­gen von pri­va­ten Immo­bi­li­en­un­ter­neh­men zu wer­ben (3% für bezahl­ba­re Kunst und Kul­tur­flä­chen in inner­städ­ti­schem Neu­bau),
eine Quo­te für Kunst und Kul­tur­flä­chen auch in lan­des­ei­ge­nen Objek­ten vor­zu­se­hen,
sowie posi­ti­ve Ein­zel­bei­spie­le in eine kon­zer­tier­te Gesamt­stra­te­gie ein­zu­bin­den (SteP Kul­tur, Ent­wick­lungs­plan Kunst, usw.).

Hin­ter­grund: In der Stu­die Art City Lab aus dem Jahr 2014 wur­de von raum­la­bor­ber­lin in Koope­ra­ti­on mit dem berufs­ver­band bil­den­der künstler*innen ber­lin (bbk ber­lin e.V.) und der Senats­ver­wal­tung für Stadt­ent­wick­lung und Umwelt die Schaf­fung von bezahl­ba­ren neu­en Räu­men für die Pro­duk­ti­on von Kunst unter­sucht.

Aktu­ell suchen von min­des­tens 8.000 Bil­den­den Künstler*innen in der Stadt etwa die Hälf­te bezahl­ba­re Ate­liers. Ten­denz stei­gend, da pro Jahr rund 350 bezahl­ba­re Ate­liers ver­lo­ren gehen. Die­sem Bedarf ste­hen „nur“ 936 geför­der­te Ate­liers und Ate­lier­woh­nun­gen gegen­über. Die Situa­ti­on ist dra­ma­tisch, die Zeit drängt! Es dro­hen Ten­den­zen wie in Lon­don oder New York, wo Künstler*innen weit­ge­hend in Rand­ge­bie­te ver­drängt wer­den.

Für Art City Lab 2 wur­den 2018 in zwei Work­shops am Hafen­platz in Kreuz­berg inno­va­ti­ve Kon­zep­te und kon­kre­te Umset­zungs­vor­schlä­ge über­prüft, um zu klä­ren, wie bezahl­ba­rer Raum für Kunst­pro­duk­ti­on und Woh­nen in der Stadt ent­wi­ckelt wer­den kann – sowohl im Neu­bau wie im Bestand. Die dar­aus ent­stan­de­ne Publi­ka­ti­on fasst die Ergeb­nis­se zusam­men und soll den wei­te­ren Dis­kurs anre­gen.

Zita­te
Kat­rin Lomp­scher, Sena­to­rin für Stadt­ent­wick­lung und Woh­nen:
“[…] mit zuneh­men­der Bau­tä­tig­keit wer­den auch die Flä­chen immer knap­per und damit die Kon­kur­renz um Grund­stü­cke immer grö­ßer. […] Ber­lin braucht aber die Krea­tiv­schaf­fen­den, auch im Zen­trum. Denn nur durch­misch­te Stadt­quar­tie­re sind leben­dig.”

Mar­kus Ter­bo­ven, Gewo­bag:
“Damit die Inte­gra­ti­on von neu­en, bezahl­ba­ren Stand­or­ten für Ate­liers und ande­re künst­le­ri­sche Nut­zun­gen gelingt, müs­sen wir her­aus­fin­den, wo in der Stadt noch inter­es­san­te, unge­nutz­te Flä­chen vor­han­den sind. Und wir müs­sen ana­ly­sie­ren, wie wir belast­ba­re Organisations- und Finan­zie­rungs­struk­tu­ren schaf­fen kön­nen […].”

Tho­mas Hölzel, Artprojekt:
“Aus der per­sön­li­chen Sor­ge her­aus, Kunst und Künstler*innen irgend­wann nur noch im Speck­gür­tel anzu­tref­fen, sie ganz aus dem Stadt­bild zu ver­lie­ren, haben wir uns bei Artprojekt dazu ent­schie­den, in unse­ren zukünf­ti­gen Stadt­pro­jek­ten eine fes­te Quo­te von drei Pro­zent für bezahl­ba­re Ate­liers unter­schied­li­cher Grö­ße und Nut­zungs­mög­lich­kei­ten zu schaf­fen.”

Dr. Mar­tin Schweg­mann, Ate­lier­be­auf­trag­ter für Ber­lin:
„Die Fra­ge nach der Pro­duk­ti­on bezahl­ba­rer Räu­me für Arbei­ten und Woh­nen, auch für Kunst und Kul­tur, ist das bestim­men­de The­ma, soll Ber­lin auch in Zukunft in sei­ner Viel­falt erhal­ten blei­ben. Dafür sind eine Diver­si­fi­zie­rung der Akteurs­land­schaft und die Bil­dung neu­er schlag­kräf­ti­ger Netz­wer­ke not­wen­dig. Hil­fe zur Selbst­hil­fe und die Siche­rung bestehen­der Stand­or­te müs­sen poli­tisch prio­ri­siert wer­den!“

Andrea Hof­mann und Chris­tof May­er, raum­la­bor­ber­lin:
“Essen­ti­ell bei allen Dis­kus­sio­nen und Ver­hand­lun­gen über neue Koope­ra­tio­nen ist, das eigent­li­che Ziel nicht aus den Augen zu ver­lie­ren: die lang­fris­ti­ge Siche­rung von leben­di­gen Stand­or­ten zur Kunst­pro­duk­ti­on.”

Was ist ART CITY LAB 2?

Ein Netzwerk/Plattform von Nutzer*innen, Planer*innen und Bauträger*innen sowie Finan­zie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen, wel­che neue, bezahl­ba­re Räu­me für die Kunst schaf­fen wol­len.
Ein Methoden-/Werkzeugkasten, um neue Räu­me für die Kunst zu ent­wi­ckeln, zu bau­en und zu betrei­ben
Ein Rah­men für Wis­sens­pro­duk­ti­on von Tex­ten, Kar­ten, Visua­li­sie­run­gen, Anforderungs- und För­de­rungs­ka­ta­lo­gen, mit Publi­ka­tio­nen, wie ARTCITYLAB 2 (ISBN 978-3-945659-14-4), erschie­nen im August 2019
Anlass und Impuls der gemein­sa­men Beschäf­ti­gung und Schaf­fung von neu­en Räu­men für die Kunst.
Art CL2 soll in Pilo­tum­set­zun­gen kon­kret wer­den!


PODIUMSDISKUSSION

Am 13.08.2019, ab 18.30 Uhr, Hafen­platz 6, 10963 Ber­lin fin­det anläss­lich der Ver­öf­fent­li­chung von Art City Lab 2 eine Podi­ums­dis­kus­si­on statt.

Podi­um:

Dr. Alex­an­dra Grä­fin von Stosch , Artprojekt
Dr. Hans-Michael Brey, Stif­tung Ber­li­ner Leben der Gewo­bag
Kata­lin Gen­n­burg, Spre­che­rin für Stadt­ent­wick­lung, Tou­ris­mus und Smart City, die LINKE (AGH)
Grit Scha­de, Lei­te­rin Woh­nungs­bau­leit­stel­le, Sen­StW (ange­fragt)
Andrea Hof­mann, raum­la­bor­ber­lin

Mode­ra­ti­on: Dr. Mar­tin Schweg­mann, Ate­lier­be­auf­trag­ter für Ber­lin

The­men Art City Lab 2 – neu­er Raum für Künstler*innen
1. Wie kann neu­er Raum für Künstler*innen geschaf­fen wer­den – z.B. in neu­en Alli­an­zen (z.B. Genos­sen­schaft – Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft)
2. Mit wel­chen ggf. neu­en Instru­men­ten kann dies gestützt und geför­dert wer­den?
3. Wie kann dies auch noch posi­tiv fürs Stadt­quar­tier sein?

 

Autor: Der Ate­lier­be­auf­trag­te von Ber­lin und raum­la­bor­ber­lin
in Koope­ra­ti­on mit: Artprojekt & Gewo­bag.

Quel­le: COOLIS, 08. August 2019