Groß Schauener Seenkette: Die Aale bleiben auf Wanderschaft

Quel­le: Deutsch­land­funk Kul­tur, Peter Kai­ser, 30. Dezem­ber 2020

 

Im bran­den­bur­gi­schen Stor­kow leben vie­le Men­schen vom Fisch. 
Hier, an der gro­ßen Schaue­ner Seen­ket­te, kom­men die Kun­den zum Fischer in den Hof­la­den, der trotz Coro­na noch geöff­net ist.

Sechs Seen umfasst die Groß Schaue­ner Seen­ket­te. Mit­ten­drin liegt das über 800 Jah­re alte bran­den­bur­gi­sche Städt­chen Stor­kow. Die Seen sind das öko­lo­gi­sche Pfund, mit dem die Gemein­de als Nah­erho­lungs­ge­biet beson­ders bei Ber­li­nern punk­ten kann. Rohr­dom­mel, Hau­ben­tau­cher, Fisch­ad­ler sind hier zu beob­ach­ten. In den Seen leben Zan­der, Hech­te, Karp­fen, Schleie, Blei, Weiß­fi­sche und Aale.

Mehr als 400.000 Glas­aa­le, das sind Jung­tie­re mit etwa sie­ben Zen­ti­me­tern Län­ge und einem Gewicht von 0,3 Gramm wur­den im Febru­ar die­ses Jah­res vor der fran­zö­si­schen Atlan­tik­küs­te gefan­gen und in Sty­ro­por­bo­xen hier­her­ge­bracht.

Zwei Mil­lio­nen Jung­fi­sche aus dem Atlan­tik

Fre­de­rik Buhr­ke, Fach­mann für Aqua­kul­tur und Searan­ching von der Fische­rei Köll­nitz, die direkt an der Groß Schaue­ner Seen­ket­te ist, ist eben mit dem Kanu ein wenig auf den See hin­aus­ge­stakt. Er hat die Jung­fi­sche Anfang des Jah­res in die Seen gesetzt, und bei­de Boo­te mit den Kis­ten bela­den. „Wir haben auch einen, der um den See her­um­fährt, mit der Wat­ho­se, und dann ent­lang qua­si den Schilfkan­ten ver­teilt, vor­sich­tig“, sagt er. „Dann ver­tei­len wir alles im See, dass nicht alles an einer Stel­le ist, und so geht der gan­ze Besatz.“

Dass Glas­aa­le in die bran­den­bur­gi­schen Gewäs­ser ein­ge­setzt wur­den, pas­sier­te nicht nur in Stor­kow, son­dern auch anders­wo. Ins­ge­samt sind es zwei Mil­lio­nen gewe­sen. „Wir sind Teil des Euro­päi­schen Besatz­pro­gramms vom Aal zur Bestands­si­che­rung qua­si“, so Buhr­ke. „Der Aal ist auf der Roten Lis­te und hat auf­grund sei­ner Lebens­wei­se mit bestimm­ten Hin­der­nis­sen zu kämp­fen. Es ist ein Wan­der­fisch, der in der Sargas­so­see laicht, da muss er erst­mal hin­kom­men. Und die fres­sen sich die Fett­pols­ter an, um die Rei­se nach­her zu machen. Und wenn sie abwan­dern, wer­den sie zu soge­nann­ten Blan­kaa­len, und dann schwim­men sie los Rich­tung Meer. Solan­ge aber leben sie hier.“

Ver­steckt im Schilf 

Jetzt lie­gen die Glas­aa­le im nur vier Meter tie­fen Gewäs­ser, ver­ste­cken sich im Schilf, im Dickicht. Sie ver­su­chen, nicht von den Fisch­ad­lern oder Kor­mo­ra­nen gefres­sen zu wer­den und sind ganz unin­ter­es­siert am Gesche­hen über ihnen, an der Pan­de­mie etwa. Die aber hat auch die Fische­rei Köll­nitz in Stor­kow im Griff, sagt Tho­mas Hölzel, geschäfts­füh­ren­der Gesell­schaf­ter der Ber­li­ner Unter­neh­mens­grup­pe Artprojekt, der die Fische­rei gehört.

Wenn man sich umschaut, es ist sehr still hier zur­zeit“, sagt Hölzel. Das tue den Fischen gut. „Den Fischen ist es auch egal, aber die Men­schen sind sehr redu­ziert hier zur­zeit.“ Der Hof­la­den dür­fe noch öff­nen und wer­de ger­ne auf­ge­sucht. „Da kau­fen die Leu­te aus der Regi­on ihren Fisch.“

Auch an die­sem trü­ben Frei­tag­mor­gen ist Kund­schaft schon da. „Gucken wir mal, wel­che Grö­ße der hat“, sagt Buhr­ke und eine Frau ant­wor­tet: „Ja, klar … toll“. Buhr­ke wei­ter: „Der hat zwei Kilo, der ande­re ist ein biss­chen klei­ner hier.“ Die Frau: „Nee, dann neh­me ich den hier. Den zwei Kilo.“ Sie bit­tet dar­um, den Fisch aus­zu­neh­men. „Die Schwimm­bla­se, die Gal­len­bla­se, wäre nicht schlecht. Ansons­ten mache ich es sel­ber.“ Für Buhr­ke kein Pro­blem.

Forel­le, Saib­ling, wird gern gekauft, sagt eine der Mit­ar­bei­te­rin­nen im Hof­la­den und schließt den Räu­cher­ofen mit dem Fisch. Die Ver­käu­fe­rin sagt: „Dann neh­men sie auch mal eine Makre­le oder einen Aal mit.“ Die Aale sind bei den Räu­cher­fi­schen die Haupt­ein­nah­me­quel­le, ist zu erfah­ren. Dar­an hat auch die Coro­na­zeit wenig ver­än­dert. „Im Gegen­teil, Frisch­fisch wird noch mehr gekauft als vor­her“, sagt die Ver­käu­fe­rin. 

Der Hof­la­den läuft, doch das Hotel und das Restau­rant, sowie ande­res gehe der­zeit nicht, sagt Tho­mas Hölzel. Und das wer­de noch eine Wei­le lang so blei­ben. „So wie es aus­sieht, wer­den wir erst nächs­tes Jahr wie­der öff­nen. Denn bis so eine Orga­ni­sa­ti­on mit Gas­tro­no­mie, Küchen, Hotel wie­der hoch­fährt, ist die Zeit schon wie­der rum. Das lohnt sich für kei­nen.“

Alles ist sonst geschlos­sen

Das Fischerei-Hotel mit den neun Zim­mern, das Restau­rant dane­ben, dann die Heinz Sielmann-Ausstellungsräume – alles ist zu. Der Heinz Sielmann-Stiftung gehö­ren die Seen­ket­te, sowie das Fische­rei­mu­se­um. Etwas stil­ler als sonst wohl geht Buhr­ke jetzt durch die men­schen­lee­ren Räu­me.

Er sagt: „Das haben die Kol­le­gen vor Jah­ren halt initi­iert als klei­nes Aus­flugs­ziel, dass man nicht nur die Fische­rei hat, son­dern auch noch was außen rum. Und man sieht hier unter­schied­li­che Gerät­schaf­ten, die frü­her in der Fische­rei ver­wen­det wur­den. Von der Eis­ha­cke bis zum Reu­sen­ham­mer, ver­schie­de­ne Netz­ar­ten, wie eine Reu­se auf­ge­baut sind. Und da hin­ten so ein biss­chen das Leben in der Fische­rei, und ein paar aus­ge­stopf­te Fische, dass man mal sieht, wie so einer aus­sieht.“

Vie­le Aale sol­len wie­der zurück ins Meer 

Und die hal­be Mil­li­on Glas­aa­le? Sie sind jetzt schon nicht mehr nur noch sie­ben Zen­ti­me­ter lang, son­dern viel­leicht schon zehn Zen­ti­me­ter, oder womög­lich noch grö­ßer. Sie sind zum Essen, wenigs­tens hier in Euro­pa, ganz außer Gefahr. Anders als in ande­ren Regio­nen der Welt. „Beson­ders die Glas­aa­le sind in Asi­en eine Spe­zia­li­tät, also da gibt’s Glas­aal­sup­pe“, sagt Buhr­ke. 

Doch was pas­siert mit jenen Aalen, die schon seit Jah­ren hier im See sind, inzwi­schen an die drei Kilo wie­gen, abwan­de­rungs­be­reit sind, und die nicht an Sil­ves­ter gefan­gen, ver­kauft und geges­sen wer­den? Buhr­ke weiß auch dar­auf eine Ant­wort: „Spä­tes­tens nach 15 Jah­ren wan­dern sie als gro­ße Aale ab, wenn sie nicht vor­her gefan­gen wer­den. Wir fan­gen natür­lich nur einen bestimm­ten Pro­zent­satz raus von den Men­gen, die wir beset­zen. Der Sinn des Pro­jek­tes sei es, dass vie­le Aale abwan­dern.